Angst.
Angst kann beflügeln. Angst kann lähmen. Angst kann einem die Luft zum Atmen nehmen. Angst kann zum tiefen Einatmen führen.
Doch meistens macht die Angst angst.
Dabei ist es völlig egal, wovor ihr Angst habt. Vor fremden Menschen, denen ihr begegnet, vor bekannten Menschen, mit denen ihr Kontakt habt. Vor bestimmten Situationen oder einer Krankheit. Angst bringt euch aus dem Gleichgewicht . Es gibt Menschen, die weniger von „der Angst“ betroffen sind. Sie können sich „frei“ bewegen und fragen sich nicht, ob und wie sie bei wem ankommen; ob und wie sie eine Aufgabe gut oder sehr gut lösen. Sie tun es einfach.
Was haben diese Menschen, werdet ihr euch eventuell fragen, was ihr nicht habt? In der Psychologie würde man sagen, diese Menschen haben „Urvertrauen“. Sie haben eine in sich ruhende Stimme, die ihnen zuruft:“ Alles ist gut. Egal, was du erlebst, wem du begegnest, du kannst ganz ruhig bleiben. Denn es ist alles gut.“
Die meisten Menschen bekommen dieses „Urvertrauen“ schon während der Schwangerschaft und in den Kindertagen vermittelt. Doch bei denen, deren Ausgangssituation nicht so gut ist, mangelt es später nicht nur an Selbstvertrauen, sondern auch am sogenannten „Urvertrauen“. Das spiegelt sich unter anderem darin wieder, dass Menschen aus lauter Angst, sich in ihrem gesamten Verhalten verändern. So werden ihre Körpersprache, ihre Mimik und ihre verbalen Äußerungen von der Angst gezeichnet. Sie schreien förmlich: “Ich habe Angst! Ich bin ein Opfer! Schlag zu!“ Und das sehen potentielle Täter. Sie riechen es förmlich, wenn sie auf jemanden treffen, der Angst hat. Irgendwie hat sich auf diesem Gebiet von der Urgesellschaft bis heute wohl nicht viel verändert: Der Schwache verliert- der Starke gewinnt… Doch muss das sein? Nein! Es gibt verschiedene Verhaltensmuster, wie Menschen mit ihre Angst umgehen. Ich nenne sie mal wie folgt:
1. Die Verdränger
2. Die Annehmenden
3. Die Leidenden
4. Die Veränderer
Die „Verdränger“ sehen zu, dass sie möglichst ihre Angst weder zulassen, noch wissen damit umzugehen. Sie verdrängen sie einfach. Klingt doch gut, oder? Klingt nicht nur gut, sondern kann am besten der Welt vorgaukeln, dass sie es voll „drauf“ haben, selbstbewusst sind und niemand ihnen etwas anhaben kann. Das Dumme ist nur- ganz in ihrem Inneren haben die Verdränger Angst. Ihre Angst sitzt nur zusammengerollt in einem Käfig und versteckt sich, wie ein verängstigtes Tier. Und was machen verängstigte Tiere, wenn sie sich zum Beispiel bedroht fühlen? Sie greifen an: Besser fressen, als gefressen werden! Sie fühlen sich schnell angegriffen. Ein „falscher“ Blick, eine falsche Geste- alles kann Auslöser sein- um das verängstigte Tier zu einem Raubtier zu verwandeln. Die Verdränger sind prädestiniert, andere Menschen zum Opfer zu machen. Das ist das Schlimme daran.
Nun zu der zweiten Gruppe der „Annehmenden“. Diese Menschen wissen um ihre Angst. Sie kennen die Quellen ihrer Angst und stehen dazu. Aber nur in ihrem stillen Kämmerlein. Sie suchen, um mit ihrer Angst nicht aufzufallen, nach Alternativen oder Möglichkeiten, mit ihrer Angst fertig zu werden. Sie meiden möglichst angstbesetzte Situationen oder Menschen. Oder fangen an, ihre Angst mit Alkohol oder Drogen zu kompensieren. Sie trinken sich Mut an. Oder kiffen. Dann fühlen sie sich leicht und wohl in ihrer Haut und in ihrem Leben relativ angstfrei. Klingt doch gut, oder? Klingt gut. Ist es aber nicht. Das Meiden von Situationen die angstbesetzt sind, ist genau so schwierig, wie Gefühle der Angst mit „Enthemmern“ zu begegnen.
Die dritte Gruppe sind die „Leidenden“.
Diese Menschen fühlen ihre Angst und leiden darunter. Auch sie meiden angstbesetzte Situationen, gehen bestimmten Menschen aus dem weg und fühlen sich ständig verfolgt, ausgegrenzt und als Opfer. Sie leiden. Sie leiden, suchen nach Erklärungen und finden sie. Sie erkennen, dass ihre Entwicklungsbedingungen, wie Elternhaus, Schule und andere soziale Netzwerke ungünstig und negativ auf ihre Person gewirkt haben. Endlich eine Erklärung. Klingt doch gut, oder? Klingt gut, ist es auch. Allerdings bleibt der „Leidende“ dort stehen. Mit der Ursachenforschung schließt er mit seiner Entwicklung bezüglich Angst ab. Er leidet weiter; verändert aber nichts.
Nun die vierte Gruppe, die „Veränderer“.
Diese Menschen haben meist die vorangegangen Stadien der Angst auch durchlebt. Sie haben die Angst verdrängt. Sie haben die Angst angenommen. Sie haben durch die Angst gelitten. Doch die „Veränderer“ gehen weiter. Sie wollen ihren Zustand nicht in den voran gegangenen Stadien belassen- sie wollen ihr eigenes Verhalten verändern, um nicht mehr abhängig von anderen und wie sie sich verhalten, zu sein. Das heißt, sich angstbesetzten Situationen stellen. Das heißt, im eigenen Verhalten bewusst Veränderungen herbei zu führen. Das heißt, andere/ neue verbale und nonverbale (Körpersprache)Signale auszusenden, die rufen: „Ich bin ich! Ich bin selbstbewusst! Ich bin stark!“ Aber auch: „ Ich habe keine Angst. Ich lebe, wie ich es will- du kannst leben, wie du es willst.“
Jeder ängstliche Mensch da draußen kann zum „Veränderer“ werden. Dies erfordert „nur“ eine Portion Mut und Zeit: Denn Veränderung geht nicht von jetzt auf gleich! Manchmal braucht es Jahre!
Im Übrigen haben auch vermeintlich starke Menschen Angst. Ich zum Beispiel, habe zurzeit Angst, wieder an Krebs zu erkranken. Ich höre so oft von Menschen, denen es so erging... Was mache ich nun mit dieser Angst? Verdrängen? Wäre schön, wenn ich das könnte- hilft mir aber nur zeitweise weiter. Annehmen? Mache ich. Doch das, macht mich ganz kirre. Denn das bedeutet für mich, es ist so und wird so. Leiden? Ja. Auch das kommt in meinem "Verhaltens- Katalog" vor. Mich piept es an, so einen Scheiß- Krebs gehabt zu haben und nun mein restliches Leben mit dieser Angst leben zu müssen, dass er wieder kommt. Doch ich will mich nur manchmal selbst bemitleiden. In Situationen, wo ich einfach mal schwach sein möchte…aber nicht für lange! Leiden raubt mir die Kraft, den Mut und mein Lachen! Also weg damit! Ich werde den Weg der Veränderung gehen: Ja. Es kann sein, dass der Krebs wieder kommt. Ja. Ich werde ihn auch dann besiegen. Ja. Ich lebe. Heute. Morgen. Übermorgen. Und die nächsten Jahre. Wie viele? Wer weiß das schon?